Darf über den Suizid eines 13-Jährigen berichtet werden?

Posted by anja - 31. Januar 2012 - Fall - 1 Comment

„Mutter überzeugt: Sohn wurde in den Selbstmord gemobbt“ titelt die Online-Ausgabe einer Boulevardzeitung. Es geht um einen 13-Jährigen, der sich vor einen Zug geworfen hatte, nachdem er von Klassenkameraden auf Facebook als schwul bezeichnet worden war. Detailliert beschreibt die Zeitung die Umstände des Suizids. Ein Leser des Blattes sieht in der ausführlichen Beschreibung der Umstände des Selbstmordes Ziffer 8 des Pressekodex (Selbsttötung) und 11 (Sensationsberichterstattung) verletzt.

Auszug aus dem Onlinetext: „Welche Gedanken müssen ihm in diesem Minuten durch seinen Kopf gegangen sein? Wie einsam und verzweifelt muss er durch die Dunkelheit gelaufen sein? Bei diesen Fragen versagt auch heute noch die Stimme seiner Mutter. (…) legt sich auf die Gleise. Er hört noch das Rattern der Lok. Er spürt das Vibrieren der Gleise. Und sieht nicht auf. Zu schwer ist ihm das Leben geworden. Es ist 21.30 Uhr.“ Die Schilderung des Geschehens durch die Redaktion widerspreche – so der Beschwerdeführer – allen Empfehlungen von Psychiatern zur Suizid-Berichterstattung. Die Rechtsabteilung der Zeitung sieht den Pressekodex nicht verletzt. Der Beitrag gebe auf sachliche Weise eine genaue Beschreibung der Selbsttötung und beachte die gebotene Zurückhaltung. Die Öffentlichkeit habe einen Anspruch darauf, über die Hintergründe dieser besonders tragischen Selbsttötung informiert zu werden. Es müsse möglich sein, die Lebensgeschichte des Mobbing-Opfers und die Umstände des Suizids publik zu machen. Es sei ein Anliegen der Mutter gewesen, diese Geschichte zu erzählen. Sie habe sich bewusst drastisch geäußert, um so andere Familien wachzurütteln. Anhand des tragischen Einzelfalls weise die Redaktion auf die Gefahren sozialer Netzwerke für Jugendliche hin. Die kritisierte Textpassage ändere nichts an dieser Beurteilung. Sie diene dazu, den Lesern das Ausmaß der Verzweiflungstat vor Augen zu führen.

One comment

  • Nikolaus Koller sagt:

    Ich bin über diese Entscheidung verwundert:

    Meines Erachtens sind Schilderungen wie “Er hört das Rattern der Lok. Er spürt das Vibrieren der Gleise.” schon reißerischer als notwendig. Ich kenne den Originalbeitrag: Dort gibt es auch andere Stellen, die fragwürdig sind, in diesem Urteil allerdings nicht angesprochen werden. “Arschgefickter Homo” – das sei im Posting auf Facebook gestanden. Bild gibt das wieder. Ist das wirklich notwendig gewesen?

    Auch fragt der Artikel, welche “Gedanken ihm dabei durch den Kopf gegangen sind” als er das Posting gelesen hat? Reine Spekulation, Dramatisierung – mit Information hat das nicht mehr viel zu tun.

    Insoferne schließe ich mich den “einzelnen Ausschussmitgliedern, denen die Emotionalisierung zu weit geht” an.

    Unbeachtet dessen ist der Umgang mit Social Media natürlich ein Thema, das von einem besonderen Wert für die öffentliche Diskussion ist. Die Berichterstattung an sich über solche Fälle ist daher jedenfalls richtig.

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