Zu eng reglementiert

Posted by anja - 29. Februar 2012 - Meinung - No Comments

deutschland-fahne-005-quadratisch-020x020_flaggenbilder.de.gif von flaggenbilder.de Prof. Dr. Michael Haller (Universität Leipzig), Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Praktische Journalismus- und Kommunikationsforschung:

„ Als Erstes möchte ich Ihnen zu dieser intensiven, am Leitbild des aufklärerischen Journalismus orientierten Arbeit herzlich gratulieren. Auch wenn sich vielleicht Ihre Ausarbeitung in der Praxis als dornenreich erweist, so dient sie in jedem Falle dem wichtigen Zweck, das Bewusstsein für berufsethisch fundiertes Handeln im Web zu schärfen – und dies allein schon rechtfertigt diese Mühen.

Nun möchten Sie insbesondere zu folgenden Fragen meine Einschätzung Ihres Kodex-Entwurf wissen:

> Was halten Sie vom neuen Multimedia-Ethikkodex?
> Warum ist diese Orientierungshilfe auch oder gerade im multimedialen Arbeiten wichtig?
> Warum sollte man sich an diesem Kodex orientieren?

Hier meine etwas längere Antwort auf Ihre Fragen:

Ihr Kodex enthält viele für die Web 2.0-Welt plausible Regeln, die man als Prinzipien des journalistischen Handwerks fassen kann. Sein Problem sehe ich darin, dass er zu viel und zu eng zu reglementieren sucht – ein Dilemma, das nicht nur mit den bisherigen (schlechten) Erfahrungen im Web, sondern vielleicht auch mit unserer Mentalität im deutschen Sprachraum zutun hat.
Ich will Ihnen dies an der für die Professionalisierung des Journalismus bahnbrechenden angelsächsischen Tradition erläutern (ich meine damit die Ära vom 17. bis zum Ende des 19. Jahrhundert und natürlich nicht den Skandal um den Australier Murdoch). Dort gilt der dem „common law“ zuzurechnende Grundsatz, dass die Pressefreiheit (d.h.: die Informationszugangs- und die Meinungsäußerungsfreiheit) per se gegeben sind. In GB gibt es keine Verfassung und kein Grundgesetz mit dem Art. 5, keine Landespressegesetze und keinen ausziselierten Pressekodex, der dem deutschen oder schweizerischen vergleichbar wäre. Die Briten würden diese Regelungen als Einschränkungen und Fallstricke verstehen, mit denen die Pressefreiheit eingeengt würde. Also kämen auch wir ohne formale Regelungen aus?

Nein . Denn auch die Angelsachsen haben Grund zur Regeleung. So hat zum Beispiel die New York Times einen engmaschigen Code of Conduct in Kraft gesetzt, der haarklein aufzählt, was ihre Redaktionsmitglieder zu unterlassen haben – zum Beispiel alles, was in Richtung Befangenheit und Vorteilsnahme geht (es lohnt sich, diesen Code mal zu studieren, um nachzuvollziehen, wie wichtig die NYT das Prinzip „Unabhängigkeit“ nimmt – und wie wenig davon in Ihrem Kodex zu finden ist).
Angenommen, Sie wären beim Zürcher Tagesanzeiger oder dem Hamburger Abendblatt oder den Salzburger Nachrichten in der Onlineredaktion als LokalredakteurIn tätig – und ihr(e) Lebenspartner(in) kandidierte für den Gemeinderat bzw. das Stadtparlament. Na und? werden Sie vielleicht denken. In der NYT (on- und offline) indessen müssten Sie ihren Posten räumen nur schon wegen des abstrakten Risikos, in einen Interessenskonflikt bzw. eine Befangenheit zu geraten. Sich einladen lassen? Presserabatt? Bei der NYT (und bei vielen anderen US-Medien) wäre dies undenkbar. Bundespräsident Wulff hätte dort als Journalist keine Chance.

Der entscheidende Punkt ist folgender: Der Code der NYT ist kein allgemeiner Journalistencode. Er würde auch von den US-amerikanischen Journalistenorganisationen vermutlich abgelehnt mit dem Argument: Was für die NYT gut und richtig ist, muss für CBS, Fox oder CNN, die Los Angeles Times oder die Huffington Post usw. noch lange nicht gültig sein.
Wenn Sie beide Sichtweisen zusammen nehmen, verstehen Sie vielleicht, auf was ich hinaus will: Ein für den Online-Journalismus insgesamt gültiger Kodex kann, ja muss abstrakt-allgemein gehalten sein und sich an wenigen Grundsätzen orientieren (siehe Medienkodex des „netzwerk recherche“), andernfalls findet er keine Akzeptanz bzw. wird durch Rechthabereien und Rechtfertigungen zerbröselt. Bereits Ihr erster Satz wäre für mich als Online-Journalist nicht akzeptabel. Denn oft genug (erkenntniskritisch gesagt: in den meisten Situationen) kann ich gar nicht „wahr“ berichten, sondern nur nach bestem Wissen und Gewissen. In diesem Sinne enthalten viele weitere Absätze Verpflichtungen, die viele Journalisten als beengend und einschränkend empfinden würden – und damit meine ich nicht die Leute vom Boulevard oder die Borderliner, sondern solide arbeitende Kollegen bei zeit.de oder standard.at oder nzz.ch oder sueddeutsche.de.

Ich teile Ihre Intention, auf normativer Ebene festzuschreiben, was guten Journalismus ausmacht, um eine Richtschnur zu haben, wenn es um die Beurteilung des real existierenden Journalismus geht. Solche Pflichtenhefte sind gut für die Ausbildung, weil sie Leitbildcharakter haben. Doch in der Berufspraxis versagen sie, weil professionelles Handeln nicht „top down“ abläuft, sondern  verschiedene Einflussgrößen und miteinander kollidierende Normen (oft genug blitzschnell) abzuwägen sind.

Der deutsche Presserat folgte dem Top-down-Konzept des Pflichtenheftes und produziert immer zahlreichere Richtlinien. Und je mehr Richtlinien er erarbeitet, weil er der sich rasch wandelnden Multimediawelt gerecht werden möchte, desto geringer ist die ethische Wirkkraft des Kodex für die Journalisten. Das Problem –  sehen Sie mir diesen Exkurs in die Ethiktheorie nach – ist mit dem in unserem Sprachraum tradierten Denkmuster der Deontologie verbunden: Aus übergeordneten Pflichten wird „top down“ das Reglement abgeleitet. Weil aber die Lebenswelt sehr vielgestaltig („komplex“) ist, müssen diese Ableitungen ihrerseits immer weiter ausziseliert werden.

Die Angelsachsen, um auf den Anfang zurückzukommen, sind Verfechter der umgekehrten Denkweise („bottom up“). Sie suchen nach pragmatischen, fallbezogenen Verfahren und berufen sich im Zweifelsfalle auf bewährte Traditionen, die für uns mitunter befremdlich sind. Dabei gehören wir doch demselben Kulturkreis an! Aber auch dieses Verfahren hat seine Fallstricke und Probleme, weil es nur „okkasionell“ entscheiden kann und auf einen Basiskonsens (siehe „common law“) angewiesen ist.
Wie schwer es ist, aus abstrakten Begriffen Handlungsmaximen abzuleiten, fiel mir – apropos England – beim Begriff Fairness auf, der in Ihrem Kodex ja schon im 2. Absatz auftaucht. Das ist eigentlich sehr schön – nur: Wissen wir (auf dem Kontinent), was in der öffentlichen Kommunikation fair ist? Zum Beispiel die Art und Weise, wie die meinungsführenden Mainstreammedien jedes Abendessen des Bundespräsidenten aus der Zeit, als er Ministerpräsident war, danach untersuchen, wer den Tischwein bezahlt hat? Oder dass die Bild-Zeitung die Inhalte des berühmten Mailbox-Anrufs von Wulff zwei Wochen später „scheibchenweise“ über andere Medien publik gemacht hat? Beim Spiegel, der Bild-Zeitung wie auch in der FAZ-Redaktion würde man Ihre Vorhaltung, deren Berichterstattung sei unfair, vermutlich nicht verstehen. Was aber nützt eine Norm, die nicht praktikabel ist?

Das Problem hinter allen Kodizes und Codes of Conduct lautet wohl: Wir haben es mit Normenkonflikten zu tun, von denen jede „für sich“ gleichermaßen gut begründet ist (wie zum Beispiel Öffentlichkeitsprinzip und Persönlichkeitsrecht). Der ethisch gut handelnde Profi muss lernen, wie er konfligierende Normen jedes Mal auf Neue „synchronisiert“ – theoretisch gesagt: Er muss sowohl top-down wie auch buttom-up denken und beide Welten wie bei einem Reißverschluss zusammenführen. Wenn er das kann, handelt er sowieso „fair“ und „wahrhaftig“.

Lassen Sie sich beim Weiterdenken Ihres Kodex von meinen Erwägungen nicht entmutigen, sondern nur ein bisschen verunsichern.“

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